Von Peter Burghardt - Dienstag, 4.12.2001

Matagalpa - Im Schwarzwald ist noch alles in Ordnung. Man fährt von Matagalpa über Schlaglöcher die Serpentinen hinauf, lässt die Bretterbuden an den Hängen liegen und biegt nach zehn Kilometern rechts ab ins Paradies. Den Weg weist ein Panzer aus dem Nachlass des gestürzten Diktators Somoza, "Hotel Selva Negra" steht auf dem rostigen Stahl, Hotel Schwarzwald. Eine Schotterpiste führt durch saftigen Regenwald mit Papayas und Orchideen, Affen und Papageien, hinter einer rotweißen Schranke beginnt das Reich der Familie Kühl. Eddy wartet vor dem Fachwerkhaus, am Gürtel ein Funkgerät mit Aufschrift "Mausi", so heißt seine Frau. Er wirkt sehr zufrieden, wie sollte es anders sein bei der traumhaften Aussicht auf 1250 Metern und der frischen Luft. Außerdem duftet es wunderbar nach Kaffee.

Die Bohnen gedeihen prächtig in den schattigen Höhen, sie werden hier auch geröstet und verpackt, 5000 Säcke pro Saison. Eddys Großvater Otto hat damit angefangen, als er 1891 aus Kiel in den Norden Nicaraguas kam, und nun trotzt die Marke "Selva Negra" der Krise, denn organischer Anbau in einer der weltbesten Lagen wird überdurchschnittlich bezahlt. Besonders treu sind die Kunden in den USA, dem Asyl der Kühls, solange die Sandinisten den Kommunismus geprobt, Reagans Contras bekämpft und europäische Wohngemeinschaften begeistert haben. (Wobei Eddy berichtet, dass er die Revolution 1979 gegen Somoza anfangs sogar als Gesandter in Europa vertreten habe). Vor allem aber ist die Farm ein Musterbetrieb. Gedüngt wird mit Kuhmist und Algen, und neben Kaffee und Touristen sichern Vieh, Obst und Gemüse die Bilanz. Herr Kühl nippt an der Tasse und schaut durchs Wohnzimmerfenster auf die roten Wellblechdächer der 200 Arbeiter hinab. "Der Weltmarkt", sagt er, "macht uns nichts aus."

Der Schwarzwald ist in Nicaragua und dem Rest Mittelamerikas allerdings nicht sehr repräsentativ, man ahnt es. Die weniger heile Welt liegt einige Kurven tiefer, obwohl auch dort erstklassige Ware wächst. An der Landstraße Richtung La Dalia hausen Menschen wie Raquel del Rosario Cruz und Humberto Ortega Martinez, die zu den ärmsten der 70 Prozent Armen im Land gehören. "Wir haben nichts, nur Hunger", sagt Ortega, ein schmaler Mann mit Zopf und zerrissenen Jeans. Für die 300 Ausgestoßenen von der Böschung ist Selva Negra ein ferner Garten Eden, in dem es zwar auch bloß den gesetzlichen Mindestlohn von drei Mark pro Tag für Männer und zwei Mark 50 für Frauen gibt, doch dazu außer der Verpflegung solchen Luxus wie Wasser und Strom und sogar Schule, Krankenstation und Baseballplatz. Sie dagegen ducken sich seit fünf Monaten unter Plastikfetzen. Viele von ihnen haben von Kind an drüben in der Finca San Francisco geschuftet-wie Sklaven, aber immerhin. Jetzt sind sie genauso überflüssig wie die meisten der 200000 Kaffeepflücker der Umgebung.

Die Finca San Francisco, eine der größten und ältesten der Region, gehört seit September der Bank. Ihr Besitzer konnte die Schulden nicht mehr bezahlen, angeblich 800000 Dollar, Zinssatz 24 Prozent. Vor dem Herrenhaus steht ein einsamer Aufpasser, in dem kleinen Büro neben Chrysanthemen und Bananenpalmen langweilt sich der Verwalter. "Die Finanzierung ist das Problem", sagt er, lehnt sich im Schaukelstuhl zurück und entblößt vier Goldzähne. An bessere Zeiten erinnert die aufsteigende Kurve an der Pinnwand-bis zu 240 Dollar wurde für den Sack Rohkaffee bezahlt, dicke Autos haben sich die Patrons damals gekauft. Nun gehen sie reihenweise Pleite, und die Hütten ihrer Knechte stehen leer, weil selbst das lächerliche Gehalt plus Reis und Bohnen den Etat sprengt. Einer soll seinen Handlangern Salz statt Geld angeboten haben.

"Wie Tiere"

Es ist ein Drama, jenseits von Cappuccino und Verwöhnaroma. Seine Ursachen verbergen sich hinter Zahlen, die Zwischenhändlern wie Ileana Caldera in Matagalpa aus dem Fax quellen. 45 Dollar und 40 Cent bietet die New Yorker Börse an diesem Vormittag, vor ein paar Jahren war es fünfmal so viel. Schuld sind die Massenproduzenten Vietnam und Brasilien, das Ergebnis ist eine Katastrophe für Guatemala, El Salvador, Costa Rica und besonders Nicaragua, deren Wirtschaft vom Kaffee abhängt. "Viele Produzenten machen Verlust", erläutert die Managerin im gekühlten Büro, die Verarbeitungs- und Transportkosten stünden in keinem Verhältnis mehr zum Gewinn. Eine Staatsbank gibt es nicht, Privatkredite sind horrend teurer, und freundliche Institute zerschlug der korrupte Präsident Arnaldo Aleman, dem die Gegend um Matagalpa ohnehin suspekt ist. Während des Bürgerkriegs war sie stark umkämpft, der Bürgermeister ist Sandinist, und rotschwarze Fahnen der ehemaligen Guerilla wehen im Wind. Obendrein trocknete eine Dürre den Boden aus, nachdem 1998 der Hurrikan Mitch gewütet hatte. Es bleibe nur eine Hoffnung, sagt Frau Caldera: "Dass sich der Preis erholt."

Solche Phantasien wiederum gehen dem Vernunftmenschen Rene Mendoza auf die Nerven. "Die Kultur der Lotterie" nennt er das. Mendoza befasst sich an der Zentralamerikanischen Universität in Managua mit der Branche und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass sich die meisten Kaffeebauern an etwas klammern, auf das sie in etwa so viel Einfluss haben wie Kleinaktionäre auf die Wall Street. Eine Studie zeigt, dass die Produzenten am Verkaufspreis kaum mehr als fünf Prozent verdienen, vor 60 Jahren waren es noch bis zu 35. Auch hat er erfahren, dass Konzerne ihre Gewinne beim Kaffee während der Krise deutlich erhöht haben, denn die Preise im Supermarkt variieren im Gegensatz zu denen am Weltmarkt kaum. "Du bist in einen Liebhaber verliebt, mit dem du nicht leben kannst", ruft Mendoza, als sollten sie es bis nach Matagalpa hören, "der Markt ist unser Feind geworden." Die Notlage hält er "für eine Folge von Massen- und Billigprodukten" und fordert eigene Initiativen bei Produktion und Marketing. Auf seinem Schreibtisch steht eine Dose Directcafe aus England, die Firma zahlt das Doppelte für den Rohstoff.

Die Verlierer des großen Spiels stehen also auf der Straße und warten. Auf Helfer, Politiker, Arbeit. "Wie Tiere", sagt Anführer Ortega, derweil gelbe Busse vorbei rattern und schicke Geländewagen, ohne dass deren Passagiere sich um sie kümmern würden. "Der Krieg war besser, viel besser", findet Ortega, der zufällig den gleichen Nachnamen trägt wie der Sandinistenführer. Bei den Sandinisten hatten sie wenigstens genug zu essen, aber jetzt gehe es auch denen nur noch um ihr eigenes Vermögen. Vielleicht werden auf der Finca San Francisco irgendwann wieder ein paar von ihnen gebraucht, ein neuer Unternehmer will sich versuchen, 2,5 Millionen Mark soll das ganze Areal kosten. "Vielleicht steigen im Dezember die Preise", sagt der Verwalter. Vielleicht. Die Kultur der Lotterie.

Ein Jammer sei das mit San Francisco, findet Eddy Kühl und sinkt in die Couch.

"So eine historische Finca", der Gründer sei dort begraben, auch er ein Immigrant. "Den Leuten fehlt der Geschäftssinn", dabei hätten sie immer wieder gewarnt, sie sollten nicht auf Kaffee allein setzen. Gattin Mausi führt im Pickup durch das Märchenland, zeigt Gänse, Hühner, Schweine, Kühe. Diversifizierung nennt sich das. Die Kühlschen Blumengedecke sind an Feiertagen ein Renner, und das Biogas aus dem Abfall macht sich ebenfalls bezahlt. "Sehen Sie, wie reich die Erde ist", schwärmt Mausi. Braune Früchte glänzen in den Körben der Kaffeepflücker. Eddy glaubt, es gibt dieses Jahr wieder eine großartige Ernte.

 
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The Germans detained during WWI - Part I (Spanish Only)
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Jenseits vom Verwöhnaroma -Sueddeustche Zeitung

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In the hills of Matagalpa by: Dave Schacht

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